KAB: Das Christentum in Europa - Referat F. Spichtinger - 14.07.2015

Zu einem hoch interessanten Thema hatte der KAB-Ortsverband St. Konrad Weiden Franz Spichtinger (ehemaliger Diözesanratsvorsitzender der KAB) eingeladen.

„Papst Franziskus hat in unserer katholischen Kirche einen Klimawandel eingeleitet. Das glaubensmüde Europa erscheint religiös neu entflammt“. Franz Spichtinger erhoffte sich eine Sanierung der bröckelnden Kirche, die im zerschlissenen Pilgerkleid durch die Jahrhunderte geht. „Die Kirche hat nur ein Ziel vor Augen: den Menschen Gott zu verkünden, diese Welt mitzugestalten, den Menschen Trost im Alltag zuzusprechen und ihnen Hoffnung über den Tod hinaus zu vermitteln, weil einer von ihnen auferstanden ist“.
Das Christentum vor großen Herausforderungen
Die katholische Kirche, das Christentum in seiner Gänze, stünden in Europa vor großen Herausforderungen, während auf der südlichen Halbkugel der Einfluss und die Bindekraft des Christentums wachsen. Der ungebremste Kapitalismus produziere eine geistige Verfassung, die materialistisch ausgerichtet sei, das soziale Klima vergifte und den Menschen die Würde nehme. Die Aufgabe europäischer Christen wäre es, ganz im Geiste des Konzils als „Salz der Erde“ in die Gesellschaft hinein zu wirken. „Trotz der Glaubensverluste, gesellschaftlicher Säkularisierung und immer aggressiverem Atheismus, trotz Skandalen und Unzulänglichkeiten müssen die Christen in Europa mutig ihren Glauben bekennen und einander im Glauben stärken“.
Verlagerung der Gewichte
Die kulturellen Gewichte würden sich heute nachhaltig verlagern: Das ehemalige christliche Abendland, das mit seiner denkerischen Neugier und seinen technischen Großleistungen über zweitausend Jahre wesentlich die Geistesgeschichte der Menschheit geprägt hat, verlöre weltweit an Bedeutung und Einfluss. „Afrikaner wie Asiaten sind lange schon der Meinung, dass in Europa die Werte, die Kultur und der christliche Glaube, dem Fundament europäischer Identität, dem Untergang preisgegeben sind.“ Das Zeitalter der Wertesysteme anderer Kulturen würde anbrechen.
Der Mensch nimmt sich selbst zum Maßstab
Kulturelle, ethnische und religiöse Bewegungen und Verschiebungen würden künftig in großem Ausmaß Europa und auch das Christentum erschüttern, stellte der Referent fest. Andererseits wäre es insbesondere die Säkularisierung, die die Krise der europäischen und westlichen Welt fördere, eine Abkehr von der Religion hin zu einem Kult um Technik und Kommerz. Mit dem Schwund der spirituellen christlichen Kräfte und seiner moralischen Grundsätze, befände sich Europa auf dem Weg in eine fragwürdige Zukunft. „Europa ist krank, weil der Mensch keinen Maßstab und keinen Richter mehr über sich erkennt und sich selbst zum Maßstab nimmt“, sagte Papst Benedikt XVI.
„Der abendländische Mensch müsse weg von seiner Anbetung des Mammon, von Besitz und Macht, weg von der geistigen und geistlichen Verwahrlosung.“
Rückzug der Christen ist keine Option
Der Rückzug der Christen auf die kleine Herde sei keine Option für das Christentum, das über zweitausend Jahre den Kontinent maßgebend geprägt habe. In Europa würden viele Nationen dazu neigen, in der Gestaltung des Lebens von einer Beziehung zu Gott abzusehen und ganz den eigenen Kräften, der eigenen Vernunft zu vertrauen. Das Zeugnis der Christen bezöge sich jedoch auf die Person und Botschaft Jesu Christi. Spichtinger sprach auch die Bedeutung der Bergpredigt und der Zehn Gebote für die Entwicklung des Gewissens der Menschen an. „Für den aufgeklärten Christen der Gegenwart ist das gebildete Gewissen maßgebend“. Das Christentum habe sich tiefschürfend mit den wesentlichen Fragen von Leben und Tod, mit Schuld und Sühne, Gut und Bös, Liebe und Schmerz auseinandergesetzt und den europäischen Kulturen maßgebliche Impulse für ihre Lebensgestaltung vermittelt
Zweitausend Jahre christliche Impulse für Europa
Große Impulse gingen vom christlichen Wohlfahrtswesen, von christlicher Bildung und Erziehung aus, die immer die Menschenwürde im Blick hätten. Wenn nur mehr zwölf Prozent der Getauften in Deutschland sich bei den Gottesdiensten einfänden, die Gemeindechristen deutlich weniger und Kinder kaum mehr christlich erzogen würden, so erschüttere das die christliche Gemeinschaft. Im Priesterschwund sah der Referent ein gravierendes Problem für die Zukunft. Die Gottesfrage sollte eine wesentlich größere Rolle innerhalb der Debatten in den europäischen christlichen Kirchen spielen. Wichtige, aber wohl zweitrangige Themen verdrängten die Glaubensfragen. „Angesichts der europäischen Herausforderungen sollten die Christen den geistigen Wettbewerb mit jenen aufnehmen, die das neue Europa unter Ausschluss christlicher Wirkkräfte und der Kirchen gestalten möchten“, zitierte Franz Spichtinger Kardinal Lehmann.
Christen müssen auskunftsfähig werden
„Christen müssen über das konkret Christliche Auskunft geben können, über die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, dessen Zuwendung zu den Armen, die Gottesebenbildlichkeit des Menschen.“ Erst recht müssten sie wissen, was Kreuz und Auferstehung wirklich bedeuten. Wo Wurzellosigkeit und Beliebigkeit zunehmen würden, folge immer schon Barbarei und Verwilderung. So sei es den Christen aufgegeben, aus ihrem spirituellen Fundament die abendländische Welt mitzugestalten.
Neuevangelisierung Europa angesagt
„Das europäische Christentum muss sich wieder auf seine Werte besinnen, auf das, was uns im Innersten zusammenhält. Wenn sich Europa nur als eine Wirtschaftsgemeinschaft versteht, ist das zu wenig.“ Europa habe eine Jahrhunderte zurück reichende christliche Geschichte hinter sich und das moderne Christentum müsse die Zeichen der Gegenwart gründlich bedenken, der Wandel und die Zukunft der katholischen Kirche sei bereits im Zweiten Vatikanischen Konzil grundgelegt. Durch die Neuevangelisierung müsse die Kirche wieder neuen Einfluss auf die Weiterentwicklung der europäischen abendländischen Idee nehmen.

Text: Franz Spichtinger (ehemaliger Diözesanratsvorsitzender der KAB) Bilder: Bernhard Gröbner
23. Juli 2015